Kürzungs- und Strukturdiskussion

Im Land Sachsen-Anhalt und an der Universität Halle wird seit Monaten über Kürzungen bei den Hochschulen diskutiert. Diese Kürzungen werden das Profil und die Struktur der Universität verändern. Auf dieser Seite versuchen wir, euch über die Hintergründe der Kürzungsdiskussion zu informieren.

Warum wird über Kürzungen diskutiert? Welche Kürzungen stehen im Raum?

Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt kündigt seit Monaten Kürzungen an. Hintergrund ist, dass dem Land nach Aussagen der Landespolitiker durch das Auslaufen von EU- und Solidarpaktförderungen bis 2020 ca. 2 Mrd. € weniger zur Verfügung stehen, also ca. 8 statt bisher 10 Mrd. €. Daher sollen nach Willen des Kabinetts alle Bereiche und Ministerien sparen, darunter auch die Hochschulen. Bei ihnenwerden im Jahr 2014 18 Mio. € gekürzt. Dies betrifft die Spitzenforschung, die Anschaffung von Großgeräten, Investitionen und nicht zuletzt die Studentenwerke. Von 2015 bis 2019 stehen den Hochschulen jeweils 5 Mio. € pro Jahr weniger zur Verfügung als noch 2014. Ab 2020 stehen weitere Kürzungen in bisher unbekannter Höhe an. Der Haushalt für Wissenschaft und Forschung umfasst 2013 insgesamt 614 Mio. €, wovon 271 Mio. € auf die Hochschulen und 115 Mio. € auf die Hochschulmedizin entfallen. Die restlichen 218 Mio. € entfallen zum Beispiel auf Forschung, Bafög und die Förderung der Studentenwerke.

Was ist bisher passiert?

Im März 213 verkündete die Landesregierung erstmals drastische Kürzungsabsichten: Im Bereich von Hochschulen und Wissenschaft sollten im kommenden Jahr 26,5 Mio. € und in den Jahren 2015 bis 2025 jährlich 5 Mio. (d.h. 2015 5 Mio. €, 2016 10 Mio. € usw.), also insgesamt 50 Mio. €, gekürzt werden. Die anfänglichen Diskussionen um Kürzungen verliefen in der Landesregierung nicht ohne Widerstand – im März wurde Ministerin Wolff entlassen, für die Minister Möllring das Amt übernahm. Seit April war war die Universitätsklink Halle von sehr konkreten Kürzungsabsichten betroffen und die Landesregierung stellte den Standort Halle in Frage. Im Verlauf des Frühsommers hielt die Landesregierung weiter an ihren Einsparzielen fest. Mehr und mehr bildete sich Widerstand gegen diese Absichten und es fanden mehrere Großdemonstrationen von Studierenden statt. Ein erster Erfolg war, dass die Landesregierung schließlich den Erhalt des Standortes Halle garantierte. In seiner Sitzung am 10.07.  hat sich der Landtag ebenfalls mit der Zukunft der Hochschulen beschäftigt und unter anderem beschlossen, dass zwei hochschulmedizinische Standorte erhalten bleiben und die Anzahl der Studienplätze nicht abgesenkt werden sollen. Neue Nahrung erhielten die Diskussionen durch die Ergebnisse des Wissenschaftsrates (siehe unten). Auf Grundlage dieser Ergebnisse wollte die Landesregierung nun ein Hochschulstrukturplan erarbeiten, die Kürzungen gleichzeitig weiter umsetzen. Eine durch den Wissenschaftsrat angemahnte Verlagerung der vorklinischen medizinischen Ausbildung nach Magdeburg war aber vom Tisch. Anfang September gelangte ein Sparszenario an die Öffentlichkeit, was extreme Einschnitte vorsah, um die angestrebte Einsparsumme zu erreichen. Die Universität Halle wäre demnach von Kürzungen in Höhe von 10 Mio. € betroffen, was durch die Schließung der Fächer Medienwissenschaften, Informatik, Psychologie, Sportwissenschaften und Geowissenschaften erreicht würde – als Folge droht die Entlassung von 250 Mitarbeitern und die Gefährdung von 1 600 Studienplätzen. Wissenschaftsminister Möllring erklärte jedoch, dass ihm das Papier nicht mal bekannt sei und wies die Vorschläge zurück. Dennoch lösten die Pläne große Entrüstung aus. Wenige Tage später wurde ein erster Haushaltsentwurf im Landtag behandelt. In diesem waren tatsächlich jene Kürzungen in Höhe von 26,5 Mio. € vorgeschlagen. Gekürzt werden soll bei der Spitzenforschung (Exzellenzoffensive), der Nachwuchsförderung, den Investitionen der Universitätskliniken und den Studentenwerken. Das Aktionsbündnis, was sich zum Widerstand gegen die Kürzungen gebildet hat, kritisierte in seiner Stellungnahme  den Entwurf scharf. Der Wissenschaftsausschuss des Landtages hat im Oktober den Haushaltsentwurf der Landesregierung mit den drastischen Kürzungsvorschlägen abgelehnt. Im weiteren Verlauf gab es immer wieder Unklarheiten, über die Kürzungssumme und das Ausmaß der Kürzungen – zwischenzeitlich war von 10 Mio. € Kürzungen die Rede und die Landesregierung bewegte sich weg von den starren Sparvorgaben und zeigte sich kompromissbereit. Weiterhin hatten die Regierungsfraktionen im November einige drastische Kürzungen für das Jahr 2014 relativiert. Anfang November legte das Wissenschaftsministerium den Rektoren einen ersten Vorschlag für ein Hochschulstrukturkonzept vor, das jedoch keine konkreten Vorschläge enthielt. Gleichzeitig hatten die Rektoren der Hochschulen grundsätzlich ihre Bereitschaft signalisiert, sich an den Kürzungen zu beteiligen, forderten aber längerfristige Umstrukturierungen erst ab 2020. Die Rektoren und die Landesregierung haben schließlich zu einer Einigung gefunden, die folgende Punkte umfasst („Bernburger Frieden“):

  • von 2015 bis 2019 erhalten die Hochschulen statt 320 Mio. € bisher nun 315 Mio. € pro Jahr
  • ab 2020 realisieren die Hochschulen weitere Einsparungen durch Strukturanpassungen

Die berühmten 50 Mio. € scheinen weiterhin nicht wie ursprünglich beabsichtigt allein von den Hochschulen erbracht werden zu müssen. Dies hatte immer wieder für Verwirrung gesorgt, da es einen großen Unterschied ergibt, ob die Hochschulen allein (320 Mio. € Budget) oder der gesamte Wissenschaftsbereich (600 Mio. € Budget) die Kürzungen erbringen müssen. Am 11.12.2013 beschloss der Landtag den Haushalt für das Jahr 2014. Er beinhaltet die angekündigten Kürzungen in Höhe von 18 Mio. € im Bereich von Wissenschaft und Hochschulen. Davon sind Spitzenforschung, die Anschaffung von Großgeräten, Investitionen und nicht zuletzt die Studentenwerke betroffen. Das Studentenwerk Halle wird im nächsten Jahr 1,25 Mio. € Zuschüsse vom Land bekommen und damit nur noch die Hälfte der Vorjahresmittel. Der Semesterbeitrag wird jedoch trotzdem im kommenden Jahr stabil bleiben. Das Jahr 2014 begann erwartungsgemäß wieder stürmisch. Minister Möllring stellte den Hochschulstrukturplan vor. Auf der Grundlage dieses Hochschulstrukturplans (HSSP) sollen dann die Hochschulen des Landes quasi “Antworten” formulieren, wie sich die Weiterentwicklung ihrer Hochschulen vorstellen. Diese Hochschulentwicklungspläne (HEP) sollen dann wiederum an die Landesregierung zurück gehen, worauf deren HSSP abschließend überarbeitet wird. Soweit zu den Formalia. Das Vorgehen scheiterte aber, da die Landesregierung bis heute (Stand 08.12.14) noch keinen HSSP beschlossen hat. Den vorgeschlagenen HSSP von Minister Möllring findet ihr hier. In Halle schien der Vorschlag, die Medien- und Kommunikationswissenschaften zu schließen, zumindest teilweise auf Gehör zu stoßen. So wurde in der Senatssitzung im Februar debattiert, ob es zum Wintersemester 2014/2015 ein Immatruklationsstop geben soll. Dies wäre einer vorzeitigen Schließung gleich gekommen. Glücklicherweise entschied sich der Senat klar gegen einen Immatrikulationsstop. Eine Stellungnahme des Aktionsbündnis’ MLU findet ihr hier. Trotz des verhinderten Immatrikulationsstopps blieben die Absichten des Ministers klar: Kürzungen an den Fachhochschulen und Universitäten um jeden Preis durchzudrücken. Unsere Reaktion ist klar: wir werden auch weiterhin gegen jegliche Kürzungen kämpfen und für eine Ausfinanzierung kämpfen. Unverhofft bekamen wir für unsere Position Rückenwind von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Sie hatte innerhalb der Bundesregierung dafür gekämpft, dass die Zahlung für BAföG-Millionen, die bisher jeweils von Bund und Land finanziert wurden, nun komplett vom Bund übernommen wird. Die freiwerdenden Landesmittel müssen aber in den Bildungsbereich fließen. Für Sachsen-Anhalt sind das mindestens 28,5 Mio. Euro. Diese sollen zum einen Teil in die Schulen fließen, zum anderen Teil in die Hochschule. Dort jedoch nicht in die Grundfinanzierung, wofür sie nach Aussagen von Frau Wanka eigentlich gedacht sind, sondern in die Forschung und in die versteckte Haushaltskonsolidierung. Als Studierendenrat haben wir uns in einer Stellungnahme zu diesem Vorgehen geäußert. Abseits unserer sachsen-anhalter Kürzungsdiskussion gab es aber im Laufe der jetzigen Protestwelle auch immer wieder Kontakt zu anderen Studierendenschaften, beispielsweise aus Leipzig, Jena, Hamburg oder aus dem Saarland. Das Phänomen der Unterfinanzierung ist also kein regionales, sondern ein systemisches Problem. Auch wenn Sachsen-Anhalt in Sachen Kürzungen bundesweit trauriger Spitzenreiter ist, stehen wir mit dem Problem der sinkenden Finanzierung nicht allein da. Daher gab das Aktionsbündnis MLU im Mai den Anstoß  ein neues Bildungsstreik 2014 Bündnis zu gründen. Dieses Bündnis organisierte, in Anlehnung an frühere Bildungsstreiks, mehrere Hörsaalbesetzungen in ganz Deutschland. Das Aktionsbündnis MLU verband diese Aktion mit einem Bildungstag, um die Gründe und Ursachen der Kürzungsdiskussion zu erläutern, die nach guten 1 ½ Jahren verständlicherweise nicht allen Studierenden klar waren. In eigener Sache gab es schon am 28. März etwas erfreuliches zu vermelden: Nachdem Clemens Wagner und Anne Geschonneck stellvertretend für das Aktionsbündnis MLU für den Halleschen Bürgerpreis nominiert wurden, durften sie auch als GewinnerInnen diesen Preis entgegennehmen. Auch nach zwei-monatiger Diskussion um die o.g. Studiengänge und Institute wurde immernoch über deren Zukunft diskutiert. Daher rief das Aktionsbündnis MLU zur Demonstration am 29.April auf. Vom Neuwerk aus startend über den Friedemann-Bach-Platz und der Leopoldina, in der die Landtagsfraktionen tagten, ging der Demostrationszug zum Universitätsplatz. Dem Aufruf des Bündnisses schlossen sich 5000 Personen an. Infos dazu findet ihr hier. Zudem zeigten wir uns auch mit unseren KommilitonInnen in Leipzig solidarisch und unterstützen die dortige Demonstration am 26.06. mit einer größeren Delegation aus Halle. Trotz des Nicht-Beschließens des Hochschulstrukturplanes in der Landesregierung wurden zum Semesterbeginn 14/15 von Fachhochschulen und Universitäten Hochschulentwicklungspläne verlangt. Das Rektorat der MLU überraschte hierbei mit einem inhaltlich fundierten Hochschulentwicklungsplan, der den Kürzungsvorschlägen der Landesregierung eine Absage erteilte. Nachdem der Senat das Rektorat in seinem Vorgehen unterstützte, machte sich Unmut beim Minister breit und “man müsse man Halle noch reden”. Gerade auch die zusätzliche Ankündigung durch Minister Möllring, die Bafög-Millionen im Hochschulbereich zweckwidrig zu verwenden, veranlasste das Aktionsbündnis MLU am 02.12. zur Organisation einer erneuten Großdemonstration. Trotz klirrender Kälte versammelten sich etwa 3000 Studierende und Beschäftigte, um gegen diese Pläne zu protestieren.

Was bedeutet das alles für die Universität Halle?

Zunächst einmal besteht an der Universität Halle ganz unabhängig von der Kürzungsdiskussion im Land Handlungsbedarf. Denn seit Jahren ist der Haushalt der Universität praktisch nicht ausgeglichen und es besteht ein Defizit von 6 bis 7 Mio. € bei einem Gesamtbudget von rund 130 Mio. €. Bisher wird dieses Defizit durch Gelder gedeckt, die die Universität aus dem Hochschulpakt erhält. Im Rahmen des Hochschulpaktes erhalten die Universitäten vom Bund Gelder, um „die Leistungsfähigkeit der Hochschulen zu steigern und die Hochschulen für eine erhöhte Zahl von Studienanfängern offen zu halten“. 2011 bis 2015 sind das 7 Mrd. € und 2016 bis 2018 2,7 Mrd. €. Diese Mittel aus dem Hochschulpakt dienen in Halle also dazu, den Haushalt auszugleichen. Die Universität möchte dieses Defizit abbauen und wird dazu Strukturen verändern müssen. Parallel dazu begann 2010 an der Universität eine Profildiskussion, in der es darum geht, festzulegen, welches Profil und welche Schwerpunkte die Universität in Zukunft realisieren möchte. Die Profildiskussion wurde dann 2011/12 intensiviert, weil die Universität im Rahmen der Begutachtung durch den Wissenschaftsrat eine Reihe von Fragen beantworten musste. Abgeschlossen werden kann die Profildiskussion jedoch erst, wenn die Ergebnisse der Begutachtung vorliegen. Die finanziellen Schwierigkeiten, die das Defizit bedeutet, führten dazu, dass die Dekane im Juli 2012 das Rektorat aufforderten, bis September 2012 ein Strukturkonzept vorzulegen, welches einen Abbau des Defizits beinhaltet, also 6 Mio. € einspart. Das dann vorgelegte Strukturkonzept kommt zu dem Ergebnis, dass Einsparungen relativ zügig realisiert werden müssten und daher nur Bereiche für Einsparungen in Frage kommen, in denen Professuren bis 2020 frei werden. Mit anderen Worten: Gespart werden kann dort, wo Leute so alt sind, dass sie bald in Pension gehen. Daraus wurde jedoch schlussfolgernd festgestellt, dass solche Strukturveränderungen das Profil der Universität beeinträchtiegn würden und die Strukturdiskussion mit der Profildiskussion in einem Spannungsverhältnis steht. Das Konzept beinhaltete weiterhin konkrete Vorschläge für Kürzungen nach Fakultäten sowie strukturelle Vorschläge wie die Zusammenlegung von Instituten. Die studentischen Senatoren kritisierten das Konzeptes in der Sitzung des Senates am 10.10.2012 scharf. In der diskussionsreichen Sitzung einigte man sich schließlich darauf, bis Dezember ein mit den Fakultäten abgestimmtes Konzept zu erarbeiten, in der 50% der anvisierten Einsparsumme realisiert werden, und nach der Bekanntmachung der Ergebnisse der Wissenschaftsratsbegutachtung ein Profilkonzept mitsamt Strukturveränderungen und Einsparungen einzubringen. Von diesem Konzept war im Dezember 2012 keine Rede mehr. Stattdessen verständigte man sich auf ein Verfahren für die weitere Profildiskussion, auf eine Art Selbstevaluation aller Fakultäten, auf die Einrichtung einer Koordinierungskommission und mehrerer Unterkommissionen. Ergebnis der Arbeit soll das Strukturkonzept der Universität sein, das im Sommer 2013 in die Diskussionen mit dem Wissenschaftsrat und dem Land einfließen muss. Begleitet wurden die Diskussionen von ersten Protesten. Später wurde klar, dass es Konzept gibt, welches 50% der Einsparsumme, also 3 Mio. €, als Kürzung realisiert. Diese „Streichliste“ ist jedoch nie öffentlich gemacht worden. Auch die Arbeit der Kommissionen kam schnell zum Erliegen. Im April 2013 wurde festgestellt, dass die Kommissionen kein Strukturkonzept auf Grundlage einer reinen Stärken-/Schwächenanalyse erarbeiten könne. Stattdessen schlug der Rektor nun folgendes Vorgehen vor: Er erarbeitet in Abstimmung mit dem Rektorat einen Profilvorschlag, der in der Koordinierungskommission beraten wird. Dieser Profilvorschlag sollte Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Gutachten des Wissenschaftsrates werden, der seine Ergebnisse im Juli vorstellen würde. Im Juli 2013 diskutierte der Senat dann die Empfehlungen des Wissenschaftsrates. Es wurde verabredet, die bisherigen Profil- und Strukturüberlegungen, die auch zu einem Abbau des Defizits führen sollen, unter Berücksichtigung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu Ende führen. Ein entsprechendes Konzept sollte im September im Akademischen Senat vorgestellt werden. Statt eines Konzepts stellte der Rektor im September folgende Schwerpunkte für die universitätsinterne Diskussion fest: zukünftige Universitätsleitung, Studienstruktur, Forschungsschwerpunkte, Fakultätsstruktur, inner-und außeruniversitäre Kooperationen, spezielle Fachbereiche („kleine Fächer“, Lehramtsstudium, Wirtschaftswissenschaften). Bis Dezember fanden nur wenige Diskussionen in den Gremien statt. Die Einigung zwischen Rektoren und der Landesregierung Ende November beinhaltete, dass die Hochschulen ihre Defizite abbauen und Strukturanpassungen einleiten. Das bedeutet unausweichlich mittelfristige Strukturveränderungen, die zu Personalabbau und damit wahrscheinlich zur Schließung von Studienprogrammen führen. Einen „Vorgeschmack“ darauf gab es im Dezember 2013. Der Senat beschäftigte sich mit dem Haushaltsentwurf für das Jahr 2014. Das Rektorat schlug hierbei vor, Ausgaben um 4,1 Mio. € zu verringern. Dies wird erreicht durch eine Kürzung aller Sachmittel um 30%, eine Kürzung der Literaturmittel der ULB um 30%, weitere Kürzungen im Bibliotheksetat, die zu verkürzten Öffnungszeiten führen, den Stopp von Neueinstellungen und Verlängerungen in der Universitätsverwaltung und das Aussetzen von Vertretungsprofessuren im Studienjahr 2014/15. Dies wären folgenschwere Kürzungen, die die Studien-und Forschungsbedingungen beeinträchtigen oder gar die Lehre gefährden. Studierende und Mitarbeiter wehrten sich daher im Senat gegen diese Kürzungsvorschläge. Mit den Maßnahmen wollte das Rektorat das Defizit der Universität bekämpfen. Bei einer Fortschreibung des Haushalts („weiter machen wie 2013“) hätte die Universität ein Defizit von 9,9 Mio. €. Mit dem Vorschlag des Rektorats wird das Defizit auf 5,8 Mio. € gedrückt. Dieses Defizit wird wie in den vergangenen Jahren durch Mittel ausdem Hochschulpakt gedeckt. Pikant ist dabei jedoch, dass weit mehr Mittel aus dem Hochschulpakt zur Verfügung stehen, als zur Deckung des Defizits von 5,8 Mio. € nötig wären. Daher sind die Kürzungen zum jetzigen Zeitpunkt aus der Luft gegriffen und unnötig. In der Sitzung einigten sich die Senatoren darauf, den Haushalt zunächst wie 2013 fortzuführen, eine Prioritätenliste zu erstellen und die Haushaltsdiskussion im Januar mit konkreteren Zahlen fortzusetzen. So debattierte der Senat am 29.01.2014 erneut über den Haushaltsentwurf des Rektorates. Die geforderten konkreteren Zahlen wurden dabei nur teilweise geliefert. Die Zahlen für die Gelder, die die Universität aus den Hochschulpakt-Mitteln erhält, wurden aktualisiert und waren höher als noch im Dezember, das heißt, der Universität stehen (noch) mehr gelder zur Verfügung. Der Haushaltsentwurf rechnet mit 129,5 Mio. € Landeszuschuss. Wie im Dezember sollen 5,9 Mio. € aus dem Hochschulpakt zusätzlich eingesetzt werden.  Darüber hinaus würde eine zusätzliche einmalige Unterstützung in Höhe von 3 Mio. €  aus Hochschulpaktmitteln vorgesehen. Damit sollen Bibliotheken, Fakultäten und Vertretungsprofessuren finanziert zusätzlich werden. Daneben wurde jedoch weiterhin mit einer 30%-igen Kürzung im Sachmittelbereich gerechnet, was zum Beispiel auch Stellen für Tutoren oder Hiwis betrifft. Insofern hat sich der Vorschlag gegenüber Dezember nur geringfügig verändert. Nach einer kritischen Diskussion sprachen sich die Senatoren gegen diesen Haushaltsentwurf aus und votierten für eine Fortführung des Haushalts wie in 2013, weil genügend Gelder zur Verfügung stehen. Dieses Votum des Senates ist aber nicht bindend, da das Rektorat über den Haushalt entscheidet. Diese Entscheidung steht noch aus. Als positiv kann angesehen werden, dass die Bibliotheksöffnungszeiten nicht – wie zunächst befürchtet – von den Kürzungen betroffen sein werden.

Was ist der Wissenschaftsrat? Was hat der Wissenschaftsrat festgestellt?

Der Wissenschaftsrat ist ein Beratungsgremium, das aus Wissenschaftlern, Personen des öffentlichen Lebens und Politikern besteht und die Bundes- und Landespolitik in Fragen der Hochschul- und Wissenschaftspolitik berät. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hatte den Wissenschaftsrat 2009 um eine Begutachtung ihres Hochschulsystems gebeten. Diese Begutachtung, zu der auch Ortsbesuche gehörten und die durch verschiedene Kommissionen und Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrates erfolgte, wurde im Juli 2013 abgeschlossen. Dabei gab der Wissenschaftsrat folgende Empfehlungen ab:

  • Hochschulstruktur ist generell angemessen, d.h. jeder Hochschulstandort sollte erhalten bleiben
  • Hochschulen sind ein wichtiger Standortfaktor
  • wesentliche Probleme in Sachsen-Anhalt sind: unscharfe wissenschaftliche Profilierung, eingeschränkte Strategiefähigkeit der Hochschulen und unzureichende Nutzung von Kooperationspotenzialen
  • sofortige Kürzungen im Hochschulbereich sind innerhalb der nächsten 5 Jahre nicht sinnvoll
  • langfristig sollen wie bisher 34 000 Studienplätze finanziert werden (bei momentan 55 000 eingeschriebenen Studierenden)
  • das momentan sehr ausdifferenzierte Studienangebot soll konzentriert und verdichtet werden
  • die vorklinische Ausbildung in der Medizin in Halle sollte nach Magdeburg verlagert werden
  • die Lehramtsausbildung komplett nach Halle

Eine ausführlichere Zusammenfassung der Empfehlungen findet ihr  hier. Die kompletten Empfehlungen des Wissenschaftsrates sind hier abrufbar.

Wie geht es jetzt weiter?

Das Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft möchte Anfang des Jahres 2014 einen Hochschulstrukturplan erstellen, in dem konkrete Vorschläge zur weiteren Entwicklung der Hochschulen vorgelegt werden. Im Anschluss daran sollen Hochschulentwicklungspläne für die einzelnen Hochschulen ausgearbeitet werden. Bis zum Ende des Jahres 2014 mündet dies im Abschluss der Zielvereinbarungen zwischen Hochschulen und Land für 2015 bis 2019. Das Rektorat entscheidet bald abschließend über den Haushalt der Uni 2014. Daneben stehen in den nächsten Wochen Entscheidungen darüber an, ob eine Immatrikulation für bestimmte Studiengänge im Wintersemester 2014/15 stattfindet oder nicht. Denn wer einmal eingeschrieben ist, kann auch zu Ende studieren. Auch wenn man also Institute schließen will, muss die Lehre sicher gestellt sein. Ist aber absehbar, dass ein Institut geschlossen werden soll, kann es irgendwann keine Immatrikulationen mehr geben.

Dokumente

Stellungnahme der studentischen Senatoren zum Strukturanpassungskonzept (10.10.2012)
Zusammenfassung Empfehlungen des Wissenschaftsrates (kurz)
Zusammenfassung Empfehlungen des Wissenschaftsrates (lang)
Stellungnahme des Studierendenrates zu den Empfehlungen
Präsentation zu den Kürzungen auf der Vollversammlung
Studie Wirtschaftsfaktor Hochschule
Beschluss des Landtages über die Rahmenbedingungen für Hochschulen (10.07.2013)
gemeinsame Erklärung der Rektoren und der Landesregierung (29.11.2013)
Haushaltsentwurf der Landesregierung (Einzelplan 06: Wissenschaft und Forschung)
Stellungnahme zum Haushaltsentwurf des Rektorats (11.12.2013)
Stellungnahme von Studierendenrat und Aktionsbündnis zum Hochschulstrukturplan (30.03.2014)
Zusammenfassung des Entwurfs des Hochschulstrukturplans (06.04.2014)
(ausführliche) Stellungnahme des Studierendenrates zum Hochschulstrukturplan (05.05.2014)

Links

kompletter Bericht des Wissenschaftsrates für das Hochschulsystem und die Hochschulmedizin Halle Entwurf des Hochschulstrukturplans Hochschulbündnis Sachsen-Anhalt Aktionsbündnis MLU Halle bleibt Sonderseite der MZ Sonderseite des MDR Chronik zum Sparprogramm der Volksstimme Informationen zum Haushalt auf den Seiten des Finanzministeriums