Nicht unser Held, nicht unsere Reformation – Lutherjahr kritisieren!

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Als Studierendenrat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben wir es immer als unsere Aufgabe angesehen, gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit vorzugehen. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel Veranstaltungen, Demonstrationen und Bündnisse, die sich dem Anliegen einer freien und solidarischen Gesellschaft widmen. Wir wissen uns darin sowohl mit dem Landeshochschulgesetz, welches in Paragraf 65 von der Studierendenschaft verlangt, die Bereitschaft ihrer Mitglieder “zur aktiven Toleranz” und “zum Eintreten für Grund- und Menschenrechte” zu fördern, als auch mit der Grundordnung der Universität selbst in Einklang, die in Paragraf 2 ausführt, dass “humane, soziale und ökologische Verantwortung” Ziel akademischen Wirkens sein sollte.

Dementsprechend erscheint es uns nur konsequent, dass wir nicht vor der eigenen universitären Haustür halt machen und uns ebenfalls mit dem Namenspatron unserer Einrichtung beschäftigen. Dies ist uns vor allem vor dem Hintergrund wichtig, dass wir im Jahr 2017, welches begeistert zum „Reformationsjahr“ erklärt wurde, mit einer ganzen Menge an Heldenverehrung, Geschichtsklitterung und Begeisterung für die Person Martin Luthers und sein Wirken konfrontiert sein werden. Denn auch wenn die Evangelische Kirche und die beteiligten Politiker*innen gerne und oft erklären, dass Luthers „problematische Aspekte“ ja gesehen würden und es sich eben nicht um ein Luther-, sondern Reformationsjahr handeln würde, ist die unkritische Verehrung des Reformators offensichtlich. 

So heißt die Internet-Präsenz der federführenden Initiative zum Beispiel ganz unzweideutig „Luther2017.de“ und sowohl auf dem offiziellen Buch, den Bannern, Kalendern und Werbekugelschreibern prangen kein Thesen oder gar aufklärerischen Symbole, sondern nur das Gesicht Luthers. Und diese Gewichtung spiegelt sich auch im Finanziellen wider: Die Millionen, die für Werbung, Kirchentage oder Publikationen ausgegeben werden, sorgen dafür, dass sich Luther demnächst überall findet. Dass die Privatwirtschaft den begeisterten Spender*innen der öffentlichen Hand folgt und nun mit Luther-Playmobil-Figuren und Ähnlichem versucht, etwas von dem Reformationskuchen abzubekommen, liegt auf der Hand.

Auch an unserer Universität erwarten wir nicht, dass ohne studentische Initiative allzu viel Kritik an dem Namenspatron hörbar werden wird. Denn auch wenn die Akteur*innen über die „problematischen Aspekte“ Luthers Bescheid wissen, werden Landespolitik wie Universitäts-Leitung oder Kirche weiterhin die Marke Luther promoten und sich die marketing-trächtige Feierstimmung ungern verderben lassen. Es wird sicherlich vernünftige Debatten darüber geben, diese werden aber stets unter dem Konterfei Luthers in die allgemeine Freude eingebettet sein.

Tatsächlich gibt es aber mehr zu verderben als zu feiern, denn Luthers Judenfeindlichkeit ist bekannt und legt ausreichend Zeugnis über die Menschenverachtung des Reformators ab. Bei diesem Aspekt von Luthers Ideologie werden zumeist zwei Schriften zitiert. Zuerst wird die Frühschrift “Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei” von 1523 genannt, womit oft belegt werden soll, dass der junge Martin Luther nicht so judenfeindlich war, wie es der alte dann gewesen ist. Tatsächlich geht Luther in der Schrift scheinbar auf die Jüdinnen*Juden zu. So spricht er sich zum Beispiel für “christliche Liebe” und Verständnis gegenüber ihnen aus. Auch wenn dieser Text sicherlich menschenfreundlicher ist als viele der anderen Schriften Luthers, findet sich auch hier Judenfeindlichkeit.

Das Verständnis, welches Luther für die Lage der Jüdinnen*Juden fordert, ist kein akzeptierendes, sondern ein abwertendes: Es soll dem jüdischen Irrweg gelten. Die christlichen Leser*innen sollen verstehen, warum die Juden immer noch keine Christen geworden, also weiterhin Ungläubige sind. Luther begründet das damit, dass die römisch-katholische Kirche nicht gut genug gewesen sei, den jüdischen Glauben zu überwinden. Die erwähnte “christliche Liebe” dient dann auch nicht dazu, die jüdische Situation zu verbessern, sondern nur als Mittel im Kampf für die Bekehrung, bei dem die Reformation erfolgreicher wirken soll als es das Papsttum konnte. Mit dieser Vermengung von Politik und Theologie ist auch der Grundstein für die weiteren Attacken auf alles Jüdische gelegt, was – wie die Theologin Ursula Rudnick ausführt – letztendlich dazu führt, dass Luther “diffamiert und dämonisiert” und die Juden mit dem Teufel identifiziert, was das “übliche Maß seiner Zeit” überschreite. Die Juden stellten bei Luther das konstitutive “Gegenbild” dar, an welchem sich die eigene Ideologie, also der Erfolg des Protestantismus, messen lassen muss. [1]

Deshalb verwundert es auch nicht, dass Luther 20 Jahre später, nachdem sich die Reformation zwar verbreitet, die Jüdinnen*Juden aber nicht bekehrt wurden, in seiner Schrift “Von den Juden und ihren Lügen” die Auslöschung des Judentums an sich fordert. Das will er unter anderem dadurch erreichen, indem alle Synagogen niedergebrannt, alle Gebetsbücher weggenommen werden und allen Rabbinern das Lehren jüdischer Religion verboten wird. All diese Sachen sollen natürlich mit Gewalt durchgesetzt werden, die Rabbiner müssen zum Beispiel mit der Todesstrafe rechnen. Diese Forderungen, die zumindest noch einen theologischen Charakter haben und die Bekehrung mit Gewalt begründen, werden aber durch weitere ersetzt, die das Leben der jüdischen Menschen an sich angreifen. So möchte Luther die Jüdinnen*Juden aus ihren Häusern treiben und sie in “Ställen und Scheuen” wohnen lassen, jüdischen Handel und “Wucher” verbieten, allen Schmuck und alles Geld der Jüdinnen*Juden wegnehmen und sie zu körperlicher Arbeit zwingen, um sie von ihren verdorbenen Wesen als “böse Teufelskinder und Schlangengezücht” zu therapieren. Das jüdische Gegenbild von 1523, welches das Versagen der katholischen Kirche beweisen sollte, wird nun zum gefährlichen Fremdkörper, der die hart arbeitenden Christ*innen ausbluten lässt, um sich selbst zu bereichern und die christlichen Länder zu vergiften. Deshalb könne man nach Luther auch nur von der “Lästerung rein bleiben”, wenn die Juden aus “unserem Land” vertrieben werden. Eine Bekehrung der Jüdinnen*Juden, die 1523 noch oberstes Ziel war, wird nun so gut wie unmöglich, da sie ohnehin “viel Ärgeres” täten, als die “Historien und andere von ihnen Schreiben, während sie sich auf das Leugnen und ihr Geld verlassen”. Hier taucht die Idee der jüdischen Verschwörung auf und versperrt den Weg jüdischer Assimilation: Wenn die Juden ohnehin immer lügen, wie könnte ein guter Christ ihnen eine Bekehrung abnehmen?

An dieser Stelle könnte noch über andere judenfeindliche Ausfälle Luthers geschrieben werden, zum Beispiel über seine Gleichsetzung von Juden und Tieren im Text “Vom Schem Hamphoras” (1543), die seinen Forderungen noch einmal Nachdruck verleihen sollte. Allerdings sollte die Forderung nach der Auslöschung jüdischen Glaubens ausreichen, um deutlich zu machen, wo der Unterschied zwischen einem religiös begründeten und missionierenden Antijudaismus, der zu der Zeit vorherrschte und natürlich ebenfalls menschenverachtend war, und einer neueren Radikalisierungsform der Judenfeindlichkeit, welche bei Luther etliche Merkmale des modernen Antisemitismus vorweg nimmt, liegt. [2]

Allein dieser Exkurs in Luthers Hetze gegen Jüdinnen*Juden zeigt, was für ein Mensch zum Symbol der Reformation, zur großen touristischen Attraktion Sachsen-Anhalts und zum Patron unserer Universität gemacht wird. Es verrät deshalb nicht nur etwas über Luther, sondern auch darüber, wie wichtig eine offene und im Mittelpunkt jedes Erinnerns stehende Diskussion über die menschenfeindlichen Bestandteile der Reformation und des Lutherkultes sind. Dabei muss natürlich ebenfalls näher auf die anderen Feindbilder und Unterdrückungsstrukturen im Denken und Agitieren des Reformators eingegangen werden: Nicht erwähnt wurden in dem Text sein durch und durch repressives Frauen*bild, sein Hass auf „die Türken“ oder seine Attacken auf Menschen mit Behinderungen. Auch thematisiert werden muss der Name der Universität, der während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur entstanden ist.

Diese Forderungen sehen wir in den beginnenden Feierlichkeiten nicht repräsentiert und organisieren die kritische Begleitung selber: Nicht damit diejenigen, die die Reformation für ihre eigene Wichtigkeit bespielen wollen, auf abweichende Stimmen und den Pluralismus der Meinungen verweisen können, sondern um mit allen an einer Gesellschaft ohne die durch Luther vorgepredigten Ideologien Interessierten, klüger zu werden, daran zu arbeiten und dafür das „Lutherjahr“ zu kritisieren!

 

Verweise:

 

[1] Ursula Rudnick – Martin Luthers Judenfeinschaft und ihre Folgen, Link: http://www.borkumer-kirchengemeinden.de/tl_files/Kirchen/images/Seiten/Dokumente/Martin%20Luther,%20seine%20Judenfeindschaft%20und%20ihre%20Folgen-Rudnick.pdf (zuletzt abgerufen im Dezember 2016)

[2] Zur genaueren Beleuchtung der Differenzierung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus sei ein Text des Theologen Andreas Pangritz empfohlen, Zitat: „Dazu wäre zu sagen, daß Differenzierung gewiß nicht schadet. Der Verdacht drängt sich jedoch auf, daß die säuberliche Unterscheidung zwischen RassenAntisemitismus und religiös motiviertem Antijudaismus zur Verharmlosung des letzteren dienen soll. Als machte es für die Verfolgten einen Unterschied, aus welchen Motiven heraus die Täter handeln. Und – um hier auf Luther zurückzukommen –: Luther hat gelegentlich durchaus zur „eliminatorischen” Tat aufgerufen. Ich ziehe es daher vor, auch bei Luther von „Antisemitismus” zu reden, bleibe mir dabei jedoch der Tatsache bewußt, daß es historisch (und auch in Luthers Biographie) durchaus verschiedene Spielarten von Antisemitismus gab und gibt.“, aus: „Luthers Judenfeindschaft, Link: https://www.ev-theol.uni-bonn.de/fakultaet/ST/lehrstuhl-pangritz/pangritz/copy5_of_texte-zum-download/pangritz_luther.pdf (Stand Dezember 2016)

 

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