Studiengebühren? Ohne uns!

Positionierung des Fachschaftsrates der Philosophischen Fakultät I und des Sprecher_innenkollegiums des StuRas gegen Studiengebühren an der Universität Halle:

 

An der Universität Halle-Wittenberg brüstet man sich gerne damit, dass es hier ein gebührenfreies Studium gäbe. Tatsächlich stimmt es, dass die in fast allen Bundesländern teilweise eingeführten oder zumindest geplante Grundgebühren für ein „normales“ Studium in Sachsen-Anhalt nicht bestehen und damit auch nicht an unserer Uni. Trotzdem kann ein Studium in Halle sehr teuer werden. Nicht nur, weil in der Bibliothek rare Bücher, Semesterbeiträge oder steigende Mieten bezahlt werden müssen, sondern auch, weil es immer noch einige Studiengebühren gibt, die ähnlich belastend sind, wie die erwähnten Grundgebühren.

 

Zwar müssen nicht mehr alle ab dem ersten Semester zahlen, aber dafür einige: Von Beginn des Studiums in Halle an, müssen Menschen, die bereits einen universitären Abschluss haben, hier Zweitstudiengebühren von 500 Euro im Semester entrichten. Ignoriert wird dabei der individuelle Hintergrund der Studierenden und ihnen wird jeder Anspruch auf halbwegs kostenfreie Bildung abgesprochen. Ob sie nun ein für sie falsches Studienfach gewählt haben, aber ihr Studium nicht in der Mitte abbrechen wollten oder einfach aus beruflichen oder wissenschaftlichen Gründen ein weiteres Studienfach brauchen, ist dabei völlig egal. Mit dieser finanziellen Hürde werden ärmere Menschen diskriminiert, die sich das nicht so einfach leisten können. Effektive Weiterbildung und interdisziplinärer Wissenserwerb werden verhindert.

 

Deutlich mehr Studierende sind von einer ähnlich zerstörerischen Regelung betroffen, die als Langzeitstudiengebühr alle diejenigen trifft, die die angebliche „Regelstudienzeit“ länger überziehen. Abgesehen davon, dass die völlig willkürliche Regelstudienzeit noch nie der Realität entsprach und an vielen Universitäten und Fachbereichen mehrheitlich überschritten wird – so viel zur „Regel“ -, werden damit völlig unterschiedliche Studiertypen über einen Kamm geschoren und auf vermeintliche Effizienz getrimmt. Auch wenn es durchaus Studierende gibt, die ihr Studium gerne in 3 Jahren abschließen, sagt die tatsächliche Studiendauer nichts über zentrale Elemente des Studiums aus. Egal ob jemand einfach schnell lernt, aus Angst vor den Gebühren „Binge-Learning“ betreibt oder mehr Zeit braucht, um die verschiedensten Wissenschaftsbereiche zu vertiefen, ist dem System egal. Es ist darauf ausgerichtet, jede studentische Individualität in den Gleichschritt der Regelstudienzeit zu zwingen.

 

Besonders die Langzeitstudiengebühr ist dabei aber nicht nur unsozial und wissenschaftsfeindlich, sondern auch völlig unsinnig, denn nicht selten führt die zusätzliche finanzielle Belastung eben nicht zur schnelleren Beendigung des Studiums, sondern zu einer längeren Dauer. Wer plötzlich 500 Euro mehr zahlen muss, muss das Geld – und dafür fehlt allzu oft das Verständnis – durch zeitaufwendige Arbeit erst einmal bekommen. Das logische Ergebnis ist: Mehr Lohnarbeit, weniger Lernen. Darüber hinaus läuft aufgrund des Konstruktures Regelstudienzeit ohnehin die BAföG- und Stipendien-Unterstützung aus, was die Situation noch prekärer macht.

 

Als studentische Gremien und Gruppierungen lehnen wir alle Bildungsgebühren ab. Sie verschärfen die soziale Lage der Studierenden und treffen ohnehin benachteiligte Menschen deutlich stärker. Sie bringen nichts, sondern werten das Lernen und die Wissenschaft gegenüber formalisierter Leistungsorientierung ab. Deshalb fordern wir die Leitung der Universität auf, diese Gebühren nicht mehr einzuziehen. Darüber hinaus sind die demokratischen Abgeordneten des Landtages von Sachsen-Anhalt aufgefordert, sich gegen diese Studiengebühren zu stellen und diese aus dem Landeshochschulgesetz zu streichen.